"Du hast mir beigebracht, was meine Eltern nicht lehren konnten. Du hast gelehrt, keine Angst zu haben und nicht aufzugeben." Diese Nachricht schrieb Alexej Schwarz nach Bekanntwerden des Todes von Alexej Nawalny auf der Plattform X, ehemals Twitter.
Alexej Schwarz ist ein russischer Oppositioneller, der am 8. Juli 2021 aus Russland geflohen ist und seit Februar 2022 als politischer Flüchtling in Schweinfurt lebt. Auf seinem Smartphone hat er ein gemeinsames Foto mit Nawalny gespeichert, für dessen Tod die Europäische Union (EU) den russischen Präsidenten Wladimir Putin verantwortlich macht. Das Foto entstand 2019 im Moskauer Büro des Oppositionspolitikers. Der heute 27-Jährige arbeitete damals als Teamkoordinator in Nawalnys Anti-Korruptions-Stiftung und überwachte unter anderem als Wahlbeobachter die Präsidentschaftswahlen.
Frage: Wie geht es Ihnen, nach dem Tod von Nawalny?
Alexej Schwarz: Ich lebe in einem Albtraum, aus dem ich nicht aufwachen kann. Der Tod Nawalnys hat mir das Herz gebrochen und ich trauere immer noch.
Wie nahe standen Sie sich?
Schwarz: Alexej Nawalny war nicht nur ein Kollege, sondern auch ein Freund, mein Mentor und mein Vorbild, und er ist es geblieben. Ich war nicht nur in den ersten Jahren meiner Oppositionstätigkeit ein Mitarbeiter, sondern bis zum Schluss: bis zum Verbot und der Auflösung unserer Organisation. Nach meiner Flucht aus Russland arbeitete ich weiter, auch jetzt noch, aber auf freiwilliger Basis.
Die Umstände von Nawalnys Tod lassen befürchten, dass auch andere inhaftierte Regimekritiker in Russland um ihr Leben fürchten müssen. Haben Sie Angst, dass Putins Arm bis nach Deutschland, nach Schweinfurt, reicht?
Schwarz: Putins Hand hat mich schon mehrmals hier in Deutschland erreicht, auch in Schweinfurt. Zum Beispiel damals, als Putin-Anhänger versucht haben, mich zu verprügeln.

Damals, nach Beginn des Krieges in der Ukraine, haben Sie berichtet, dass Sie hier in Schweinfurt im Übergangswohnheim von Mitbewohnern angefeindet wurden. Sie hatten in den Sozialen Netzwerken den Krieg Putins verurteilt und vor allem dessen Unterstützer in Deutschland scharf kritisiert. Werden Ihre politischen Aktivitäten weiter in Russland beobachtet?
Schwarz: Ja, sicher. Meine größten "Fans" sind die vom FSB, dem Inlandsgeheimdienst der Russischen Föderation. Sie lesen und beobachten jeden meiner Schritte. Ich bin jetzt seit fast drei Jahren nicht mehr in Russland, aber sie eröffnen immer wieder Strafverfahren gegen mich. Inzwischen wurde ich sechsmal verurteilt, zuletzt wegen "Fake News" über die russische Armee. Das ist das neue repressive Gesetz, das nach dem Beginn des Krieges erfunden wurde. Ich weiß nicht einmal, was genau der Auslöser für dieses Strafverfahren war.
Was heißt das für Sie?
Schwarz: Leider kann ich mich nicht mit den Akten und dem Gerichtsurteil vertraut machen, da ich keinen Anwalt habe. Die Anwälte weigern sich, mich zu verteidigen, weil ich ein Extremist bin, und die Zusammenarbeit mit einem Extremisten eine Straftat darstellt. Nawalnys Anwälte wurden inhaftiert, weil sie Alexej vor Gericht vertraten. Am 19. Oktober 2023 wurde ich in Abwesenheit zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, darf keine Sozialen Netzwerke und Messenger nutzen und meine Webseite nicht mehr betreiben. Aber natürlich ignoriere ich das.

Sie haben kürzlich ein Interview für Report Mainz gegeben. In der Sendung ging es um den russischen Atom-Konzern Rosatom, gegen den Sie früher aktiv waren. Kämpfen Sie gegen den Konzern weiter?
Schwarz: Ja. Ich arbeite an Sanktionen gegen Rosatom. Mir und meinen Partnern ist es gelungen, in den USA und in Großbritannien Sanktionen zu erwirken. Aber in Deutschland und der Europäischen Union ist dies noch nicht möglich. Doch ich suche nach neuen Wegen. Was der Bericht von Report Mainz zeigte, ist nur ein kleiner Teil davon. Ich habe Materialien und Dokumente zur Verfügung gestellt. Die SWR-Recherche-Unit wollte Informationen über die Rosatom-Tochter, die mit der Brennelementefabrik im niedersächsischen Lingen zusammenarbeitet.

Was haben Sie über Rosatom herausgefunden?
Schwarz: In Europa hat Rosatom eine große Anzahl von PR-Leuten und Lobbyisten. Ich erstelle eine Liste von Personen, die an den Rosatom-Strukturen in Europa beteiligt sind. Der Konzern ist Putin direkt unterstellt und eine Art von Sonderdienst. Es gibt dort Wissenschaftler, Militärs, Spione, Propagandisten. Rosatom geht es nicht ums Geschäft, sondern um den Einfluss auf Partner.
Haben Sie noch Kontakt zu anderen Oppositionellen in Russland?
Schwarz: Natürlich bleibe ich in Kontakt mit den Leuten, die gegen Putin kämpfen. Mit denen, die geflohen sind, und denen, die geblieben sind.

War es richtig, nach Deutschland zu kommen? Oder könnten Sie in Russland mehr bewirken?
Schwarz: In Russland würde ich im Gefängnis sein. Gott sei Dank sind wir jetzt in Deutschland. Ich fühle mich wie zu Hause. Dieses Gefühl hatte ich in Russland nie. Ich habe dort 24 Jahre lang als Fremder gelebt, obwohl ich dort geboren wurde.
Haben Sie und Ihre Frau, die mit Ihnen geflohen ist, in Deutschland schon Fuß gefasst?
Schwarz: Ich lerne Deutsch auf B2-Niveau. Die Sprache fällt mir schwer, aber ich versuche mein Bestes. Ich verstehe viel, aber ich spreche immer noch mit Fehlern. Meine Ehefrau, sie ist Psychologin und Lehrerin, hat das Deutsch-B2- Niveau mit guten Ergebnissen bestanden und ist jetzt in Elternzeit.

Sie sind vor kurzem Vater geworden, also für eine kleine Familie verantwortlich. Werden Sie sich weiter gegen Putin auflehnen oder bremst Nawalnys Tod Ihr Engagement?
Schwarz: Es hat lange gedauert, bis ich mich von meinen Inhaftierungen in Russland, der psychischen Folter dort und unserer Flucht erholt hatte. In meinem ersten Jahr in Deutschland betrachtete ich meine Umgebung durch eine schwarze Brille. Ich war zwar dort, wo ich seit meiner Kindheit zu sein geträumt hatte, aber in meinem Inneren fühlte ich mich leer. Im zweiten Jahr ging es mir besser, aber ich lebte weiter auf Autopilot. Als jetzt meine wunderschöne Tochter geboren wurde, war es, als wäre ich aufgewacht. Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals so stark gefühlt zu haben.
Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?
Schwarz: Ich möchte meine Ehe in Deutschland anerkennen lassen und dass meine Tochter meinen Nachnamen bekommt. Das Standesamt weigert sich aber, meine Ehe ohne eine beglaubigte Urkunde anzuerkennen. Ich kann allerdings nicht nach Russland zurückkehren, um das Dokument zu holen, weil ich dort zu einer Gefängnisstrafe verurteilt bin. Diese Absurdität der Bürokratie macht mich wütend. Wie kann man ein Flüchtling sein und gleichzeitig Russland besuchen? Mir wurde Asyl gewährt, weil es für mich und meine Familie gefährlich ist, in Russland zu leben, aber das Standesamt will, dass ich ein Dokument aus Russland hole. Mein Ziel ist es, deutscher Staatsbürger zu werden. Ich möchte mein Physikstudium und meine wissenschaftliche Arbeit fortsetzen. Und natürlich den Kampf gegen den Putinismus in Deutschland fortführen. Nawalny sagte, man solle nicht aufgeben, der Putinismus werde nicht von alleine enden.