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Schweinfurt: Nur noch Ökostrom ab nächstem Jahr: Stadtwerke Schweinfurt vollziehen radikale Wende

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Nur noch Ökostrom ab nächstem Jahr: Stadtwerke Schweinfurt vollziehen radikale Wende

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    In Zukunft wollen die Stadtwerke mehr auf Strom aus erneuerbaren Energien setzen. Für Privatkunden plant der Versorger, ab nächstem Jahr nur noch Ökostrom anzubieten. In Forst haben die Stadtwerke seit 2014 einen Windpark mit drei Anlagen.
    In Zukunft wollen die Stadtwerke mehr auf Strom aus erneuerbaren Energien setzen. Für Privatkunden plant der Versorger, ab nächstem Jahr nur noch Ökostrom anzubieten. In Forst haben die Stadtwerke seit 2014 einen Windpark mit drei Anlagen. Foto: Horst Breunig

    Ein Blick auf den Gesamtenergieträgermix der Stadtwerke Schweinfurt zeigt: Der Strom, den die Stadtwerke Schweinfurt ankaufen, kommt zum Großteil von fossilen Energieträgern. 54,3 Prozent aus der Kohleverstromung, 15,4 Prozent aus Gaskraftwerken, 18,4 aus der Kernenergie und nur 10 Prozent aus erneuerbaren Energien mit Herkunftsnachweis. Zum Vergleich: Inzwischen werden rund 40 Prozent des Stroms in Deutschland aus Wind, Sonne und Wasserkraft gewonnen. Und Schweinfurt? Das will jetzt etwas verändern. Und zwar grundlegend.

    Die Stadtwerke planen, "ab Januar 2023 den Privatkundenstrom komplett auf Ökostrom umzustellen", sagt Geschäftsführer Thomas Kästner auf Anfrage. Abgesegnet ist dies nicht nur vom Aufsichtsrat, auch der Stadtrat hat in seinem Entschluss, dass Schweinfurt bis 2035 klimaneutral werden soll, den Weg vorgezeigt.  Für die Stadtwerke bedeute dies Mehrkosten, für die Kunden nicht, sagt Kästner. Knapp die Hälfte der rund 240 Gigawattstunden aus dem jährlichen Gesamtverkauf werden an Privathaushalte geliefert. Bei denen ist bisher Ökostrom nicht allzu beliebt, sagt Kästner offen. Der Kunde in Schweinfurt ist "preissensitiv", der Ökotarif wenig gefragt.

    Umso wichtiger ist wohl, dass den Privatkunden der grüne Strom nicht mehr kosten soll als der aus anderen Quellen. Allerdings: Dass die Strompreise allgemein anziehen werden, steht schon jetzt fest. Das gelte nicht nur für die Stadtwerke. Die kaufen den Strom nachhaltig ein, sagt Kästner, immer für ein bis zwei Jahre im Voraus. Auch deshalb habe man die Preise für Bestandskunden stabil halten können. Heißt aber auch: Jetzt wird der Strom für die Jahre 2023/24 eingekauft, und der ist inzwischen teurer. Vor allem auf dem Gasstrommarkt sind die Preise explodiert.

    Drei Windräder, etwas Wasserkraft und Photovoltaik: Was die Stadtwerke bisher haben

    Woher kommt der grüne Strom ab 2023? Schließlich haben die Stadtwerke nur wenig Ökostrom aus eigener Produktion. Bei Waldsachsen drehen sich drei Windräder. Der Strom, den sie produzieren – 8.793,800 Kilowattstunden im Jahr 2021 – reicht, um die Stadtverwaltung, ihre Gebäude und Schulen versorgen zu können. Dann sind da noch 25 Prozent Anteil am Laufwasserkraftwerk der Main-Schleuse (19.823.313 kWh in 2021) und etwas Photovoltaik (111.205 Kilowattstunden).

    Den Rest des Ökostroms muss man also einkaufen. Praktisch funktioniert das über den Erwerb von Ökostromzertifikaten. Wer unabhängiger werden möchte von anderen Produzenten, muss selbst etwas tun. Genau das haben die Stadtwerke vor, sagt Kästner. Der Ausbau der Erneuerbaren sei beschlossene Sache, wenn auch schwierig. Denn: In Schweinfurt selbst gibt es nur noch wenig Möglichkeiten, zum Beispiel Aufbau von Photovoltaikanlagen auf eigenen Dächern. Dann bleibt nur der Blick in die Region.

    Wie die Gemeinden zum Ausbau von Erneuerbaren auf ihrem Gebiet stehen

    Doch da wird es kompliziert. Der Geschäftsführer hat überall seine Fühler ausgestreckt, mit allen Bürgermeistern gesprochen. Die Resonanz war zurückhaltend, viele Kommunen wollen keine Freiflächen-Photovoltaikanlagen auf ihrem Gebiet. "Baugenehmigungen werden sehr restriktiv verteilt", das ist Kästner bewusst und auch das Dilemma. "Wir würden gerne mehr machen, aber da braucht man die Region."

    Genau dafür will der Stadtwerke-Chef werben: Dass sich Stadt und Landkreisgemeinden eins fühlen, gemeinsam vorangehen. Die Gemeinden können die Fläche stellen, die Stadtwerke als Netzbetreiber "allen erneuerbaren Strom aufnehmen", die Infrastruktur stellen und ausbauen. Schweinfurt sei ein großer Arbeitgeber, lebe von der Industrie – und das könne nur so bleiben, wenn gesichert sei, dass genug Energie verfügbar ist. "Wir müssen uns selbst versorgen", sagt Kästner, sonst werde man noch abhängiger von anderen, wie nicht zuletzt jetzt die Problematik um die Gaslieferungen aus Russland zeige.

    Hätten die Stadtwerke früher mehr tun sollen für den Ausbau des Ökostromproduktion?

    Haben die Stadtwerke die Zeit verschlafen, hätte man eher stärker auf den Ausbau eigener erneuerbarer Stromproduktion setzen sollen? Kästner verweist bei seiner Antwort auf das Konstrukt der Stadtwerke als Versorger in vielen Bereichen, auch solchen, die Defizite machen – wie der ÖPNV oder das Silvana. So müsse man in anderen Sparten Geld verdienen. Das sei bei anderen Stadtwerken nicht anders. "Als kommunal beherrschte Stadtwerke gehen wir nicht mit Hochrisiko in Themen hinein", sagt Kästner.

    Irgendwann führt am Umstieg kein Weg vorbei. Auch wenn er sich nach hinten verschieben könnte: Der Ausstieg aus der Kohle steht fest, der Atomausstieg sowieso und Gas ist nicht mehr die große Option für den Übergang, als das es einmal eingestuft worden ist. Was bleibt, wenn die Suche nach dem Aufbau eigener Ökostromproduktion oder Beteiligungen an Projekten in der Region nicht funktioniert? Dann geht der Blick der Stadtwerke weiter. Man prüfe auch den "Ausbau woanders", sagt Kästner.

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