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Würzburg: Samstagsbrief: Wie wollen Sie das Chaos bei der Deutschen Bahn bewältigen, Herr Lutz?

Würzburg

Samstagsbrief: Wie wollen Sie das Chaos bei der Deutschen Bahn bewältigen, Herr Lutz?

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    Richard Lutz ist seit März 2017 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG und steht vor einem Berg von Herausforderungen.
    Richard Lutz ist seit März 2017 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG und steht vor einem Berg von Herausforderungen. Foto: Arne Dedert, dpa

    Sehr geehrter Herr Lutz,

    kennen Sie den? Ein Mann hat ein Bewerbungsgespräch bei der Deutschen Bahn. Sagt der Chef: "Sie sind 15 Minuten zu spät!" – "Ja und, ist mir scheißegal." Darauf der Chef: "Sie sind eingestellt!"

    Oder den: "Mein Zug ist heute ausgefallen. Angeblich war die Lok down."

    Bei der Deutschen Bahn ist die Sache inzwischen so verfahren, dass sie sich bloß noch mit Humor und Ironie ertragen lässt. Witze über die Bahn gehören mittlerweile zur deutschen Folklore. Was früher die geselligen Diaabende waren, sind jetzt die Gespräche über die Reiseerlebnisse mit dem Zug. Man braucht nur das richtige Stichwort in den Raum zu werfen. Ach ja, die Bahn – das alte, rumpelige Stück Ärgernis.

    Nach einer Fahrt mit der Bahn fühlt man sich irgendwie immer reif für die Insel. Das Dumme an der Sache ist, Herr Lutz: Die wenigsten verfügen über eine eigene Insel, also flüchten sie sich beim nächsten Mal eben doch wieder ins eigene Auto. Auf Nimmerwiedersehen, Deutsche Bahn! So weit sind wir. Ist das nicht ein Jammer – nach dieser Corona-Lockdown-Phase, in der die Bahn viel Sympathie gewonnen hatte und neben den Supermärkten hierzulande die einzige Konstante war?

    In der Verklärung der Deutschen Bahn steckte immer auch ein wenig Wahrheit

    Ach, Herr Lutz, wie betrüblich ist das alles bei einem Unternehmen, das man sich in schönen, bunten Bildern denkt? Galt die Bahn nicht seit je her als Hort der Solidität und Stärke? Bei Lukas, dem Lokomotivführer in der Augsburger Puppenkiste, bei Schlagersängerin Gitte, die von der "schönen Pension bei der Bundesbahn" schwärmte.

    Da war viel Verklärung dabei, aber auch ein wenig Wahrheit. Die Bahn kommt, die Bahn verbindet – falls es gut läuft. Doch das tut es eben nicht, schon seit Jahren.

    Gegen das gewaltige Chaos bei der Bahn sind die zwölf Arbeiten des Herkules ein Kinderspiel

    Mit den Pannen bei der Bahn ließen sich ganze Enzyklopädien füllen. Umgekehrte Wagenreihung, geteilte Züge, defekte Toiletten und Klimaanlagen, Bordrestaurants ohne Personal. Von den Verspätungen und Totalausfällen ganz zu schweigen.

    Sie leiden "wie ein Hund", haben Sie neulich auf einer Veranstaltung gesagt. Und: "Es braucht ein grundsätzliches, ein radikales Umsteuern. Ein Weiter so ist definitiv keine Alternative." Sie sprechen von einem "Hochleistungsnetz" und "generalsanierten Hochleistungskorridoren". Gemach, gemach! Das alles klingt nach einem waghalsigen Baumeister, der Richtfest plant, noch bevor der Grundstein liegt.

    Gegen das gewaltige Chaos bei der Bahn sind die zwölf Arbeiten des Herkules ein Kinderspiel. Sie haben es zu tun mit einem vielköpfigen Ungeheuer, dem jeden Tag ein Dutzend neue Köpfe wachsen. Jahrelang wurde bei der Bahn gespart, wo es ging, um die Weichen für den Börsengang zu stellen – und als der 2011 geplatzt war, sprangen an allen Ecken und Enden die Sicherungen raus. Die Folge: ein gigantischer Sanierungsstau.

    Hunderte Bahnhöfe auf dem Land hat die Deutsche Bahn stillgelegt

    Die Infrastruktur ist auf dem Stand der Steinzeit, auf dem Land wurden Hunderte Bahnhöfe stillgelegt, es fehlt an Strecken, an Zügen und am Personal, das Schienennetz ist hoffnungslos überlastet. Es drohen: ewige Baustellen und Umleitungen mit noch mehr Verspätungen und Ausfällen. Und, ach ja, der Güterverkehr, der auf die Schiene soll, rollt weiterhin auf der Straße über die Alpen – weil die Bahn nicht hinbringt, was Italiener, Schweizer und Österreicher längst geschafft haben.

    Stillgelegter Bahnhof auf dem Land: In Markt Einersheim (Lkr. Kitzingen) halten schon seit den 1980er Jahren keine Züge mehr.
    Stillgelegter Bahnhof auf dem Land: In Markt Einersheim (Lkr. Kitzingen) halten schon seit den 1980er Jahren keine Züge mehr. Foto: Eike Lenz

    Stets kommt von der Bahn viel Bedauern und noch mehr Vertrösten, aber wie meinte ein FDP-Politiker mal: Wir müssen jetzt liefern. Also, Herr Lutz, wann liefern Sie?

    Das 9-Euro-Ticket, das viele vor allem dafür nutzen, aus Jux und Tollerei eine Deutschlandreise zu unternehmen, war nicht Ihre Erfindung. Aber es hat die Schwachstellen der Bahn offengelegt. Das Leben in vollen Zügen genießen? Schön wär's. Drei Monate lang hatten noch mehr Reisende die Möglichkeit, gemeinsam außerplanmäßig zum Stehen zu kommen. Den Stresstest, so viel ist schon klar, hat die Bahn nicht bestanden. Und Sie wollen die Fahrgastzahlen auf der Schiene bis 2030 verdoppeln. Ihr Ernst, Herr Lutz?

    Noch größer als auf deutschen Bahnhöfen war das Chaos in diesem Sommer bloß auf den Flughäfen. Aber kann das ein Trost sein? Beim Bahn-Olympia scheint die Devise zu lauten: Dabei sein ist alles in überfüllten Zügen. Von Pünktlichkeit ist längst keine Rede mehr, Hauptsache ankommen. Ein Satire-Magazin spottete, die Bahn müsse für ihren Fahrplan künftig eine Glücksspiel-Lizenz beantragen. Was ist daran Satire?, fragte ein Leser.

    Sie sehen, Herr Lutz, viel Unmut, der sich gerade Bahn bricht. Jetzt ist endlich mal anpacken angesagt und nicht nur reden. Wenn's der Sache dient, erzähle ich Ihnen auch gerne noch einige Witze.

    Mit sommerlichen Grüßen

    Eike Lenz, Redakteur

    Persönliche Post: Der "Samstagsbrief"Jedes Wochenende lesen Sie unseren "Samstagsbrief". Was das ist? Ein offener Brief, den eine Redakteurin oder ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Person des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An jemanden, dem wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur.Persönlich, direkt und pointiert formuliert soll der "Samstagsbrief" sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der "Samstagsbrief" ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir von der Adressatin oder dem Adressaten Post zurück. Die Antwort finden Sie dann bei allen "Samstagsbriefen" hier. Und vielleicht bietet sie auch Anlass für weitere Berichterstattung.Quelle: MP

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