Hardy Schober aus Winnenden hat vor fünf Jahren seine Tochter verloren. Jana. Sein Sonnenkind. Erschossen am 11. März 2009 vom 17-jährigen Amokläufer Tim K.. Jana ist eines von 15 Opfern, die an diesem Tag getötet werden, bevor sich der Täter selbst das Leben nimmt. Hardy Schober hat in den Stunden des Todes seines Kindes gefühlt, dass er weiterkämpfen muss. Um Janas willen. Kämpfen muss, damit Familien in Deutschland ihre Kinder nicht auch auf diese grausame Weise verlieren.
Schober hat deshalb das Aktionsbündnis Winnenden gegründet, setzt sich seit fünf Jahren unbeirrt für eine sichere Schule, eine Änderung des Waffenrechts und gegen Killerspiele ein. Seinen Beruf hat er aufgegeben, die Arbeit im Aktionsbündnis nimmt ihn komplett in Anspruch. Gestern Abend hat man Hardy Schober im Dokumentarfilm „Amok in Winnenden. Das Leben danach“, gesehen. Der erstmals ausgestrahlte Film zeigt die persönliche Dimension und die verstörenden Folgen, die der Amoklauf für Schober und alle anderen Betroffenen hat.
Deutschland liegt bei Amokläufen nach den USA weltweit auf Platz zwei. Grund genug, sich zu engagieren. Doch die Vertreter des Aktionsbündnisses haben gewaltig unterschätzt, mit welcher Wucht Menschen in der Lage sind zurückzuschlagen, wenn sie langjährige Rechte und Besitzstände in Gefahr sehen. Genau um diese Besitzstände fürchtet die überwiegende Mehrheit der Waffenliebhaber – und sie nimmt bei der Verteidigung ihrer großkalibrigen Waffen und des bestehenden Waffenrechts kein Blatt vor den Mund. Es kursieren zuhauf Kommentare im Internet und in den Leserforen von Printmedien, die einem ob der Radikalität der Gedanken und der Gefühlskälte, die einem da entgegenschlägt, ganz anders werden lässt.
Da können manche Schützen noch so sehr betonen, wie sehr auch sie selbstverständlich mit den Angehörigen von Winnenden fühlen – ihre Worte nach dem großen „Aber“ sprechen eine andere Sprache. Wenn es um ihre Waffen geht, hört bei vielen Menschen ganz offensichtlich das Mitgefühl auf. Als das Aktionsbündnis 2010 dem Deutschen Bundestag 185 000 Unterschriften für ein Verbot von großkalibrigen Waffen vorlegt, wird die Waffenlobby unruhig. Unter den Vertretern beginnt ein gegenseitiges Hochschaukeln, was da nun womöglich an Verboten auf sie zukommen könnte. Das Wenige, das das Aktionsbündnis fordert, wird von der Gegenseite plötzlich zum Verbot sämtlicher scharfer Waffen und zur drohenden Zwangsauflösung sämtlicher Schützenvereine gemacht – und auch so kommuniziert. Ein geschickter Weg, um restlos alle Schützen in Deutschland mit ins Boot zu holen. Die Waffenlobby hat auch kein Problem damit, die Rollen zu verdrehen, sich selbst zum Opfer zu machen – und die Opfer des Amoklaufes zu Tätern, zu einer Bedrohung deutschen Kulturgutes.
In ihrem offenen Brief an das Aktionsbündnis Winnenden schreibt etwa Beate Meier-Kühne, Redakteurin des Internetmagazins „JagdWaffenNetz“: „Warum versteht eine Hand voll Leute im Aktionsbündnis nicht, dass für zweieinhalb Millionen Bürger Schießen – und zwar ausdrücklich auch Großkaliberschießen – Sport ist, egal wie Sie persönlich dies weltanschaulich bewerten?“
Vielleicht verstehen Hardy Schober und die anderen Betroffenen es nicht, weil ihre Kinder mit so einer großkalibrigen Waffe in den Kopf geschossen bekamen und sterben mussten. Einer Waffe, die der Vater des Täters, ein passionierter Schütze, offen in der Wohnung herumliegen ließ. Einer Waffe, mit der Tim K. durch geschlossene Türen hindurch töten konnte. Hardy Schober kämpft seit fünf Jahren für eine größere Sicherheit, was Waffen in Deutschland angeht. Das verdient Respekt. Umso mehr, da die Waffenlobby ein übermächtiger Gegner ist. Einer, zu dem viele Politiker gehören, darunter auch der bayerische Innenminister Joachim Herrmann. Ein Gegner, der nach allen Amokläufen siegessicher in die Diskussion um ein schärferes Waffenrecht und Kontrollen nach unversperrten Waffen in Privathaushalten hineinzugehen pflegt.
„Nicht Waffen töten, sondern Menschen“, reden Waffenbesitzer den Slogan der Waffenlobby aus den USA gerne nach. Und dass man ja auch nicht gleich alle Autos verbieten würde, wenn ein Kind bei einem Verkehrsunfall ums Leben komme. Oder Messer. Oder Äxte. Beate Meier- Kühne schreibt: „Wir glauben sogar, dass der Fokus auf den äußerst seltenen School Shootings dazu beiträgt, andere Gewaltphänomene richtig würdigen zu können und deshalb schädlich ist.“ Wen das erzürnt, sollte sich die Kommentare zu dem Brief, den der Deutsche Schützenbund auf seiner Seite propagiert, lieber nicht antun. Hardy Schober hat gelernt, mit Anfeindungen umzugehen. Seine Gedanken kreisen um Jana und die anderen Opfer, deren Tod das Leben vieler Menschen zerstört hat. Und die eines sicher nicht verdienen: in ihrer Würde verletzt zu werden!